Odilo Gwerder

Aus Kloster-Engelberg
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Odilo (Erhard) Gwerder (* 15. August 1863 in Hardt (D); † 21. Mai 1904 in Engelberg)

Lebensdaten

Profess: 15. September 1883

Priesterweihe: 10. Juli 1887

Primiz: 15. August 1887

Ämter

Lehrer an der Stiftsschule: 1888–1894

Bibliothekar: 1894–1899

Beziehungsnetz

Verwandtschaft

Sohn des Franz Mayer und der M. Anna Klausmann.

Lebensbeschreibung[1]

Eine Johannesseele ist am St. Johannestag des letzten Jahres von uns geschieden, unser lieber P. Odilo. Dem Andenken dieses Mannes seien einige Erinnerungen gewidmet. Hat er ja se lber ein treues Gedächtnis für alles Edle und Große gehabt. Bis in die letzten Tage erzählte er gern aus seiner Jugend , vom heimeligen Muotathal, wo er am 8. Februar 1868 im „Schäfü" den ersten Blick in diese Welt getan, vom alten Pfa rrhe lfer , bei dem er die ersten Lateinstunden genossen. Auch über seine Mitschüler hier in Engel­ berg, wohin er als 14 jähriger in die 4. Klasse kam, wußte er noch viele Einzelheiten. Von den meisten kannte er den Lebenslauf und Beruf. Auch die spätem Schüler verlor er nie aus dem Gedächt­ nis, und sicher hat er zeitlebens viel für sie gebetet. Alois Gwerder war in der Klosterkirche bis in die 6. Klasse ,,St öcklibub". Daim bat er, seine Stimme war noch nicht gebro­ chen, um Aufnahme ins Noviziat. Nach seiner Profeß im Jahre 1886 machte er seine philosophischen und theologischen Studien im Stifte Einsiedeln. Unvergeßliche Poesie war es auch für den werdenden Aszeten, wenn der Marstaller in der Klosterkutsche ihn bis nach Stansstad fuhr und oft auch dort wieder abholte. Freilich kam es auch vor, daß er den Weg vom See bis nach Engelberg zu Fuß machen mußte, wobei Grafenort schon damals ein will­ kommenes Absteigequartier bildete. Mit dem Jahre 1891, in dem P. Odilo sein erstes hl. Meßopfer feier te, begann nicht bloß sei n frommes Priesterleben, sondern auch seine Tätigkeit an der Schule. Er war die Ruhe und Ausgeglichenheit selber; eine unerschüt­terliche Geduld und Freundlichkeit gegen alle war ihm eigen. Freilich nicht alle haben das damals schon vers ta n­ den oder geschätzt. Vielen bot diese Güte eine will­ kommene Rngr iffs lläch e für jugendlichen Uebermut. Aber selbst großen Schlin­ geln kam es oit zum Be­ wußtsein, daß P. Odilo et­ was Großes eigen sein müs­ se, und sie ahnten das Edle und Heilige in ihm. P. Odil o leilete auch mehrere Jahr e als Präses die Sodalität. Sind nicht die schlichten ein fache n Vor tr äge, die im­ mer aufs Praktische zielten, noch vielen in Erinne ru ng? Haben wir nicht in den obern Klassen aus dem Ge­ dankengan g und der logi­ sc hen Kraft seiner Ueb er ­ legun g eine gewisse demo­ sthenisch e \ Eigena rt her ­ ausgeh ört? Es schrieb auch in sein em Beileids brief einalter Schüler, ma n könnte v ielen modern en Festrednern etwa s,,odilonisc he'·· Einf achhe it, Sachlichkeit und Krait wünschen. P. Od ilo war in de n Jahre n 1908 /9 und 9/10 unse r Kl assenlehrer in der Rhetor ik. No ch vor kur zem schrieb mir ein Mitschül er, ich möchte den kranken P. Odilo grüßen. We nn er sich an die Sch ul­ s tund en der Rhetorik erinnere, komme ihm immer Branconi in den Sin n. Dieser Br anc oni ha tte eine hohe Stimme und ein e noch höhere geis tige Langs amk eit, die den guten P. Odilo oft auf seien Langm ut prüfte und der Kla sse viele kurzwe ilige Minuten bereitet e. Der ad elige deuts ch e Jun ge, von dem wir leider seit dem We lt­ krieg keine Nachri c ht mehr ha ben, hat sich übri gens bei usn S c h weizerd emokrat en recht wo hl gefühlt und seine Tante, bei dre er im Förs te rhau se dro ben wohn te, konnte ihm mit ihren Zu­ sprüchen das Le ben nicht ve rbitt ern . Andere werd en sich merh an den Philosophen Kiliger erin nern , dessen Na me aus dem Munde P. Odilo s immer so reiz voll erkla ng. Das Urt eil: ,,Genu g, aebr nicht gut genug" war auch eine köstliche Eigenart des milden Professors. In Staunen setzte uns, wie P. Odilo die Reinschrift aus dem Stegreif diktierte. Nur für die langen Cicero- und Demosthenes­ Perioden benützte er das Heft. Wenn auch mein Nebenmann Otto Peffer hie und da das Haupt schüttelte, weil ein Ausdruck zu enge an den Urte xt sich anschloß, war doch die Uebersetzung ein Zei ­ (Che n meisterhafter Sprachgewandtheit, zu der auch P. Odilo unser ziehen wollte, indem er uns den Grundsatz einhämmerte: ,,Jeder Satz, den man beginnt, muß ohne Verbesserung zu Ende geführ t werden. " Doch lassen wir die Schule. Für die Freizeit waren P. Odilos. große Spaziergänge bekannt, zu einer Zeit, wo im Kol­ legium der Sport noch in beschränktem Maße und hinter der en­ gen Mauer betrieben wurde. Damals war es noch trad itionsgemäß , unter seiner Führu ng am Rloisiustag . auf die „Ziebeln" hinauf­ z us prin gen. Ruch sonst galt P. Odilo als guter Bergsteiger , bis ihn das Rücke nma rkleiden , das 1922 au f tr at, ans Haus und später ans Zimmer fesselte. An den Unterhaltungen der klösterlichen Familie nahm P. Odilo gerne Anteil. Aus der Schatzkammer seines Gedächtnisses gab er manchen guten Engelbergerspruch zum besten. So erzählte er von einem alten „reic hen Engelberger ", der dreimal erben konnte: Zuerst die Erbsünde, dann die Flöhe, zuletzt die Schulden. - So wußte er auch vom„ Sagergeni", wie ihn einst ein Preuße, als man noch keine Skier hatte, bei meterhohem Schnee fragte: ,,Na, kann man jetzt nicht auch den Titlis besteigen ?" Da habe er ruhig geantwortet: ,,Ja, probieren kann man es im mer. " - In einer Latein­ stunde wa r's : der Professor machte sich mit dem Nastuch zu schaffen; ein Schüler sollte übersetzen , mußte aber niesen , als er angefangen hatte: ,,Ingenia " ... ,,c onspuunt" fuhr der Professor weiter . Im Stiftsorchester hat P. Odilo lange Jahre die Feste mit seiner Klarinette verschönert. Dabei hat er seinem Taktgefühl auch mit dem Kopf Ausdruck verliehen, sodaß die Nichtmusikanten nicht bloß etwas zu hören, sondern auch zu sehen hatten. P. Odilo war vom Jab re 1904 - 1908 Großkellner des Klosters. Wie er im Gehorsam diesen Posten , der ihm wohl weniger ent­ s prach , angetreten hatte, so verließ er ihn auch mit einem be­ wunderungswerten Gleichmut. Ueberhaupt war es schwer heraus ­ zubringen, was P. Odilo zusagte oder nicht. Es schien, als ob·ihm alles gleich lieb sei. Nach dem Tode des temperamentvollen P. Gregor Jakober am Silvesterabend 1912 wurde P. Odilo von den Obern zum Amte des Subpriors erhoben. Er, der durch sein Beispiel schon lange vor­ anstand, sollte jetzt auch von Amts wegen vors tehen . Ruch hier blieb er sich gleich: einfach , regeltreu, streng gegen sich, mild gegen die andern.

Im Jahre 1919 wurde P. Odilo zum Spiritual nach Maria-R icken ­ bach berufe n. Die Klosterfrauen fanden an ihm einen eifrigen, vor­ bildlichen Seelsorger, die Pilger einen verständnisvollen Tröster und Führer, die Gäste einen freundlichen Gesellschafter. Doch da zeigte sich allmählich ein böses Rückenmarkleiden, das die Beine lähmte. Der Gang wurde ganz unsicher und schleppend. So kam P. Odilo 1926 wieder ins Kloster zurück und zwar mit Freuden. Wenn jetzt die äußere Tätigkeit auf Abschreiben von Büchern und Aushilfe in Büroarbeiten beschränkt blieb, so war P. Odilo doch glücklich und zufrieden dabei. ,,Habitavit secum " galt auch bei ihm, wie es vom hl. Benedikt gesagt ist. Wie es die hl. Regel will, wa r die Zeit genau vert ilt auf Gebet, Lesung und· Arbeit, nämlich Schreiben. Aus seiner feinen, kunstfertigen Feder flossen wie fr ü­ her viele wertvolle Bücher besonders zu liturgischen Zwecken . Nebst religiösen Schriften las P. Odilo mit Vorliebe Werke über die Kirchengeschichte. · Eine Leidenschaft hatte P. Odilo. Es war die einzige: er wollte nie eine Stunde des Chorgebetes versäumen. Als Professor sowohl wie als Großkellner und Subprior war ·er schon morgens um 4 Uhr im Chor. Die Schulstunden und Arbeiten sollten so verteilt sein , daß er keine Hore versäumen mußte. Als seine Beine den müde n Körper nicht mehr tragen konnten, da mußte ein Novize mit dem Krankenwagen ihn zum Chore führen. Erst als auch die Stim me ihren Dienst versagte, es war im Sommer letzten Jahres, betete er sein Brevier auf der Zelle. Ein Trost war es für ihn, daß er trotz der lahmen Füße bis in die letzten Monate das hl. Opfe r feiern konnte. Regelmäßig stand er um 1/2 6 Uhr am Herz- Jesu ­ Altar, und Gott allein weiß es, wieviel Seelenlc1raft und Chri stus­ liebe er aus dem hl. Opfer schöpfte, das er zeitlebens in größter Sammlung gefeiert hat. Trotz der großen Schwäche, die im letz­ ten Juni, beim ersten Kräftezerfall eingetreten war, ließ er sich doch ins Kapitelhaus führen , um dort während der hl. Messe das Viaticum zu empfangen. Im übrigen wollte er den Mitbrüdern in nichts zur Last fallen. Nie wuri:le während der langen Kra nkh eit eine Klage aus seinem Munde gehört. Seit September wohnte er im Krankenzimmer, wo er bis zum letzten Tage fast immer einige Stunden des Tages außer dem Bett. zubrachte und, so weit er konnte, das Brevier betete. Im Dezem­ ber sagte (er Br. Othmar, der nach M.-Rickenbach ging, er solle die Schwestern grüßen und ihnen sagen, es sei ihm„ vögeliwoh l". Auf Weihnachten nahmen dann die Kräfte bedenklich ab. J\ls er am 26. Dezember sich anschickte, ins Bett zu gehen, sagte er zu m Krankenbruder: ,,Jetzt geh ich das letztemal ins Bett". Er mac hte dann über sein Lager ein großes Kreuz, verlangte um 1/2 1 Uhr nachts nach der hl. Wegzehrung, weil er den Morgen wohl nicht mehr erleben werde. Hochw. P. Prior reichte sie ihm. Während der Nacht bat er den Bruder drei Stoßgebete mitzubeten, indem er be merkte , das gemeinsame Gebet sei noch wirksamer: ,,Korn­ met alle zu mir , die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch, erquicken: kraft dieser Verheißung erbarme dich meiner "! ,,Gü tig ­ ster Herr Jesus, erbarme dich meiner armen Seele und mache, daß ich bald sterben kann"! ,,Mein Herr und mein Gott, du vermagst alles: so laß dein unendliches Erbarmen auch meiner Seele zu gute kom men "! Gegen Morgen konnte er sich nicht mehr verständlich machen, und als wir um 7 ¼ Uhr im Chor die Prim anstim mten , gab P. Odilo unter dem Beistand des Gnädigen Herrn und P. Priors s eine Seele dem Schöpfer zurück. Ein kostbares Leben hat damit für diese Erde seinen Abschluß gefunden; möge es in Weihnachts­ wonnen in der andern Welt neu erstanden sein! Uns aber wird das Andenken und Beispiel von P. Odilo heilig sein: In memoria ceterna erit justus.


Einzelnachweise

  1. Die Lebensbeschreibung wurde weitgehend von P. Gall Heer (StiArEbg Professbucheinräge) übernommen.

Bibliographie

  • Gottwald, Benedikt: Album Engelbergense. Luzern 1882.
  • StiArEbg Personalmappe P. Hieronymus Mayer.
  • StiArEbg Professbucheintrag nach P. Gall Heer.